Magazin

Hallo, liebe Leserinnen und Leser!

Was habe ich im Wald verloren?

Das Wandern und das Fernwandern sind schon lange keine »neuen« Trends mehr. Touristik- Branche und Outdoorindustrie haben sich vor Jahren bereits auf diese Form des Urlaubs eingestellt. Dies ist ein Paradoxon, denn die Fortbewegung zu Fuß scheint aus einer Zeit herauszufallen, in der das Reisen mit den modernsten Verkehrsmitteln zu jedem beliebigen Zeitpunkt an jeden beliebigen Ort für große Teile der Bevölkerung möglich, wenn nicht selbstverständlich geworden ist. Verstanden sich viele Fußgänger vor ein, zwei Jahrzehnten als Antitouristen, als Gegenbewegung zur Beschleunigung, Technisierung und Universalisierung des Reisens, so sind sie heute ein Bestandteil des Massentourismus’.

 

003-Vorwort-6-19

Abb.: Annika Müller

 

Auf die Frage, warum sie wandern, würden wohl viele Wochenendwanderer antworten: »Weil es Spaß macht und gesund ist, weil man in der Natur vom stressigen Alltag abschalten kann.« Das Wandern ist damit einerseits eine moderate Form des Körper-, Fitness- und Gesundheitsbewusstseins, andererseits Bestandteil einer neuen Wertschätzung der Natur. Bei Fernwanderungen und extremen Fußreisen kommen oft andere Gründe hinzu: Identitätssuche und Krisenbewältigung haben einstige religiöse und spirituelle Motive abgelöst.

Liest man die zahlreichen Erlebnisberichte über Fernwanderungen, so zeigt sich, dass sich viele Autoren bewusst gegen den zivilisatorischen Komfort wenden. Die bewusste Wahl der Fußreise soll eine temporäre Wohlstandsverweigerung bzw. ein künstlicher Wohlstandsverzicht sein. Man entflieht dem Schutzraum gewohnter Routinen, um sich der übermächtigen, unberechenbaren Natur auszuliefern. Dabei geht es nicht mehr nur darum, sich bei der einsamen Fortbewegung in der Natur selbst näher zu kommen. Ziel ist es auch, den Leib herauszufordern oder ihn gar zu plagen, die körperliche Leistungsfähigkeit bis an ihre extremen Grenzen und darüber hinaus zu bringen.

Genau genommen beschäftigen sich viele Wanderer in der Natur mit Dingen außerhalb der Natur, denken über ihr Leben nach oder einfach nur an die nächste E-Mail, zählen die Kilometer und messen die Geschwindigkeit und die verbrannten Kalorien. Henry David Thoreau, der mit »Walden« im 19. Jahrhundert einen Klassiker der Aussteigerliteratur schrieb, kritisierte schon vor 180 Jahren diese Haltung: »Auf meinen Wanderungen möchte ich gerne zu meinen Sinnen zurückkehren. Was habe ich im Wald verloren, wenn ich an etwas außerhalb des Waldes denke?« Dieser Aussage schließe ich mich an und wünsche Ihnen viel Spaß mit der vorliegenden Ausgabe.

 

Ihre Annika Müller | Autorin trekking-Magazin